Was ist das 2-Grad-Ziel?

In der Klimapolitik ist das „2-Grad-Ziel“ seit vielen Jahren eine fest etablierte Größe. Hierbei wird gefordert, den Temperaturanstieg – gemessen an vorindustriellen Verhältnissen – auf maximal 2 Grad Celsius zu beschränken. Bei Überschreiten dieser Marke werden nämlich gravierende Änderungen im Klimasystem befürchtet. Damit wird die UN-Rahmenkonvention zum Klimawandel konkretisiert, in der es heißt, dass eine „gefährliche Störung des Klimasystems zu vermeiden sei“. Die seit Beginn der Industrialisierung emittierten Treibhausgase haben bereits zu einer mittleren globalen Temperaturerhöhung von 1.3 °C geführt. Aufgrund der Trägheit des Klimasystems sind bisher jedoch lediglich 0.8 °C nachweisbar.

Die Europäische Union propagiert das 2-Grad-Ziel in ihrer Klimapolitik bereits seit dem Jahre 1996 und hat es im Jahre 2007 in den Mittelpunkt der ersten europäischen Energiestrategie gerückt. Das 2-Grad-Ziel ist im Grundsatz weltweit akzeptiert und es besteht ein breiter Konsens in der Klimapolitik. Jedoch wurde es von den 194 Teilnehmerstaaten der 15. UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Jahre 2009 lediglich „zur Kenntnis“ genommen und ist somit nicht als rechtlich bindendes Ziel anerkannt. Betrachtet man die bisherigen Anstrengungen der einzelnen Staaten zu zukünftigen Emissionsreduktionen, würden die gesetzten Ziele für die Jahre 2020 beziehungsweise 2050 – die für ein Erreichen des 2-Grad-Ziels als mindestens notwendig angesehen werden – deutlich verfehlt. Die aktuelle Entwicklung der Treibhausgasemissionen, beziehungsweise die Tatsache, dass eine Trendumkehr noch nicht in Sichtweite ist, lassen es fraglich erscheinen, ob das 2-Grad-Ziel noch erreicht werden kann.

Bei der Frage nach der Herkunft des Ziels verweisen Politik und Wissenschaft gegenseitig aufeinander. Die Politik ist der Meinung, es beruhe auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, während die Wissenschaft es als „politischen Ursprungs“ bezeichnet. In der Wissenschaft wird das 2-Grad-Ziel nicht generell vertreten; während beispielsweise der „Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) seit Mitte der 1990er Jahre daran festhält, taucht der Begriff erstmalig im fünften Sachstandsbericht des „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC, 2014) auf.

Geschichte des 2-Grad-Ziels

William D. Nordhaus (Yale University), einer der weltweit führenden Klima-Ökonomen, führte im Jahr 1975 erstmals die 2 °C-Marke als kritische Grenze der Erderwärmung an. Er begründete dies mit Hilfe des „normalen Bereichs langfristiger Klimaänderungen“ der letzten Hunderttausende von Jahren. In diesem Zeitraum seien Schwankungen von ± 5 °C aufgetreten. Aktuell befinden wir uns im oberen Bereich dieser Schwankungsbreite und würden bei einer Erderwärmung von 2 °C außerhalb dieses langfristigen Schwankungsbereichs gelangen. Nordhaus bezeichnete die 2-Grad-Grenze jedoch nur als erste Annäherung, die durch weitere Erkenntnisse angepasst werden würde.

Die Ausführungen von Nordhaus blieben jedoch lange Zeit ohne größere Beachtung. Als im Jahre 1990 neben dem ersten Sachstandbericht des IPCC auch ein Bericht der „Advisory Group on Greenhouse Gases“ (AGGG) verabschiedet wurde, in dem das 2-Grad-Ziel entschieden vertreten wurde, änderte sich dies zumindest in Wissenschaftskreisen. Anzumerken ist allerdings, dass es Unterschiede bei der Argumentation bezüglich des 2-Grad-Ziels gab: Während Nordhaus es auf die natürliche Schwankungsbreite von Klimaänderungen zurückführte, begründete die AGGG es dadurch, dass bei einer stärkeren Erwärmung die Risiken schwerer Schäden für Ökosysteme stark ansteigen würden.

Politische Wirkung entfaltete das 2-Grad-Ziel vor allem, als Hans-Joachim Schellnhuber (PIK Potsdam) es 1995 in der Stellungnahme des WBGU im Anschluss an die erste Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention einflussreich einbrachte. Er bezog sich in seiner Argumentation – vergleichbar zu Nordhaus – auf die klimatischen Verhältnisse während des Quartärs (etwa die letzten 800.000 Jahre), die unsere Umwelt geprägt hätten. Die Grenze von 2 °C ergibt sich dabei als Summe der Differenz des heutigen Klimas zum Maximum des Quartärs von 0.8 °C, einer Toleranz von 0.5 °C sowie der damals seit Beginn der Industrialisierung erfolgten Erwärmung von 0.7 °C. Würde man diesen Temperaturbereich verlassen, könnte dies zu gravierenden Veränderungen führen.

Konkrete Aussagen zu den Folgen einer Erderwärmung von 2 °C sind jedoch unsicher. So ist es auf wissenschaftlicher Basis nicht möglich, eine genaue Grenze zwischen einer „ungefährlichen“ und einer „gefährlichen“ Erwärmung anzugeben. Dennoch hat sich das 2-Grad-Ziel etabliert, da es einerseits eine Art Kompromiss darstellt, andererseits aber eine konkrete Vorstellung vermittelt und überprüft werden kann.

Seit dem Jahr 1996 treten die europäischen Umweltminister aktiv für das 2-Grad-Ziel ein. Im Jahre 2007 wurde es als „strategisches Ziel“ in den Mittelpunkt der ersten europäischen Energiestrategie gerückt. Nordhaus hingegen wandte sich von dem konkreten 2-Grad-Ziel ab und rückte das Sozialprodukt in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. Auf Grundlage einer Kosten-Nutzen-Analyse trat er für eine Klimapolitik ein, bei der die Erderwärmung im Jahre 2100 deutlich über 2 °C liegt und bei der es im folgenden Jahrhundert zu einer weiteren Erwärmung käme. Er sah den Vorteil einer Klimapolitik in einem größeren Sozialprodukt durch verhinderte Klimaschäden. Andererseits verringere sich das Sozialprodukt auch aufgrund von Klimaschutz infolge der verbundenen Ressourcenbindung, so dass ein Kompromiss die beste Lösung SEi. Der Ökonom Sir Nicholas Stern verfolgte ebenfalls diesen Ansatz, kam jedoch zu einer deutlich niedrigeren Zieltemperatur als Nordhaus. So empfahl er eine Treibhausgaskonzentration von 550 ppm CO2-Äquivalenten, was laut neuesten Forschungserkenntnissen jedoch zu einer deutlich stärkeren Erderwärmung als 2 °C führen würde. Rahmstorf et al. (2006) geben eine Konzentration von 450 ppm CO2-Äquivalenten für ein Erreichen des 2-Grad-Ziels an. Generell ist die Angabe einer Treibhausgaskonzentration für ein konkretes Erwärmungsziel aber auch stark von der Eintrittswahrscheinlichkeit, also der Sicherheit dieser Aussage, abhängig. Nichtsdestoweniger liegt der Verdienst der Untersuchungen von Stern aber darin, Teile der Wissenschaft überzeugt zu haben, dass Klimaschutz vor dem Hintergrund einer Kosten-Nutzenanalyse eine deutlich bessere Lösung darstellt, als nichts zu tun.

Bei dem Klimagipfel in Kopenhagen im Jahre 2009 (COP15) wurde die Hoffnung auf ein zügiges Vorankommen in Richtung 2-Grad-Ziel zerschlagen. Im Vorfeld des Gipfels haben mit dem „Copenhagen Accord“ zwar alle wichtigen Partner das 2-Grad-Ziel auf UN-Ebene anerkannt, konkrete Maßnahmen wurden indessen nicht beschlossen. Von der Politik wurde das Ergebnis des Gipfels als Erfolg gewertet, die Klimawissenschaft stand dem jedoch äußerst kritisch gegenüber. So seien die von den einzelnen Staaten sich selbst auferlegten Reduktionsziele der Treibhausgasemissionen bei weitem nicht ausreichend, um das 2-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Wie geht es weiter?

Es sind drastische Schritte notwendig, um das gesetzte Ziel, die Erderwärmung auf 2 °C zu begrenzen, noch zu erreichen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) gibt an, dass das Maximum der Treibhausgasemissionen spätestens in den Jahren 2015 bis 2021 erreicht werden muss und die Emissionen danach stark sinken müssen, um das Ziel noch erreichen zu können. Vor dem Hintergrund der Entwicklung der klimapolitischen Verhandlungen auf UN-Ebene sowie einer nicht in Aussicht stehenden Trendumkehr der Treibhausgasemissionen spricht derzeit wenig für die Erreichung des Ziels.

Auf UN-Ebene wird aktuell darüber gestritten, ob das gesetzte Ziel auf einen Grenzwert von 1.5 °C Erwärmung verschärft werden sollte. Dies zeigt, dass die aktuellen politischen Aktivitäten teilweise losgelöst von den wissenschaftlichen Erkenntnissen erfolgen. Alternativ zu der Zielsetzung einer maximalen Erderwärmung könnte stattdessen die betrachtete Größe geändert werden und beispielsweise ein Ziel in Form einer maximalen Treibhausgaskonzentration formuliert werden. Eine weitere Alternative stellen „Emissionsbudgets“ dar. Hierunter ist die Menge an Treibhausgasemissionen zu verstehen, die global bis zu einem bestimmten Zeitpunkt emittiert werden darf. Diese Menge wäre auf einzelne Nationen aufzuteilen und es könnte auch der konkrete Verlauf der Emissionen bestimmt werden. Aufgrund fehlender klimapolitischer Instrumente und Institutionen ist dieser Ansatz jedoch aller Voraussicht nach nicht politikfähig. Ganz egal welcher Ansatz in der zukünftigen Klimapolitik verfolgt wird, wichtig ist, dass er schnellstmöglich zu Emissionsreduktionen führt.

Quellen

Jaeger, C. C. & Jaeger, J. (2010): Warum zwei Grad? In: Bundeszentrage für politische Bildung: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung ‚Das Parlament’, 32-33/2010 „Klimawandel“ vom 09.08.2010, S. 7-14.

Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung globale Umweltveränderungen (WBGU) (2009): Klimawandel: Warum 2 °C? Factsheet Nr.2/2009, http://www.wbgu.de/fileadmin/templates/dateien/veroeffentlichungen/factsheets/fs2009-fs2/wbgu_factsheet_2.pdf (21.03.2011).

Geden, O. (2010): Abschied vom Zwei-Grad-Ziel. Internationale Politik, Nr. 5, September/Oktober 2010, S. 108-113, http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/fachpublikationen/Abschied_vom_Zwei_Grad_Ziel__IP__KS.pdf (21.03.2011).

Geden, O. (2010): Was kommt nach dem Zwei-Grad-Ziel? SWP-Aktuell, 55, Juli 2010, http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2010A55_gdn_ks.pdf (21.03.2011).

Geden, O. (2010): Abkehr vom 2-Grad-Ziel. Arbeitspapiere FG 1, Nr. 2/2010, Mai 2010, http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/arbeitspapiere/Arbeitspapier_2_Grad_Ziel_formatiert_final_KS.pdf (21.03.2011).