Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg)

Die Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg) liegt im Landkreis Altenkirchen. Zur Gebietskörperschaft gehören sechs eigenständige Ortsgemeinden. In der Verbandsgemeinde leben 22.933 Einwohner auf einer Fläche von 127 qkm. Die Verbandsgemeinde liegt im Naturraum Siegerland. Das Mittelsiegbergland ist Teil des Rheinischen Schiefergebirges. Der rheinland-pfälzische Anteil des Siegerlandes präsentiert sich als weitgehend geschlossenes Waldgebiet mit Höhen bis 527 m.

Entwicklungen des Klimas in der VG Kirchen (Sieg) bis heute

Die Jahresdurchschnittstemperatur für den 30-jährigen Bezugszeitraum 1971-2000 lag bei 8,5 °C und im jüngsten 30-jährigen Mittel 1989-2018 bereits bei 9,2 °C. Die Abbildung zeigt einen deutlichen Anstieg der Jahresdurchschnittstemperaturen seit 1881 bis heute mit einer deutlichen Verstärkung seit den 1990er Jahren. Die 5 wärmsten Jahre wurden alle ab dem Jahr 2000 gemessen und verdeutlichen den rasanten Anstieg der Temperaturentwicklung. Das wärmste je gemessene Jahr ist 2018 mit einer mittleren Jahrestemperatur von 10,4 °C.

Entwicklung der Jahresmitteltemperatur in der VG Kirchen (Sieg) seit 1881.

Der mittlere Jahresniederschlag liegt in der Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg) im 30-jährigen Bezugszeitraum 1971-2000 bei 1094 mm. Er zeigt im Zeitraum 1881 bis heute eine ausgeprägte annuelle Variabilität mit einer leichten Zunahme der Jahresniederschläge. Die 5 trockensten und 5 feuchtesten Jahre sind uneinheitlich über den gesamten Messzeitraum verteilt. Der hydrologische Sommer (Mai bis Oktober) zeigt keinen Trend, der hydrologische Winter (November bis April) eine leichte Zunahme der Niederschläge seit 1881.

Entwicklung des Jahresniederschlag in der VG Kirchen (Sieg) seit 1881.

Die klimatologischen Kenntage  weisen eine deutliche Zunahme an Sommer- (Tmax ≥ 25 °C; 12 Tage) und Hitzetagen (Tmax ≥ 30 °C; 3 Tage) sowie eine Abnahme an Frost- (Tmin ≤ 0 °C, 15 Tage) und Eistagen (Tmax ≤ 0 °C; 6 Tage) zwischen den 30-jährigen Mitteln 1951-1980 und 1989-2018 auf.

Entwicklung der temperaturbezogenen Kenntage in der VG Kirchen (Sieg) seit 1951.

Zukünftige klimatische Entwicklung im Naturraum Siegerland

Klimaprojektionen geben Auskunft über mögliche Entwicklungen des Klimas in der Zukunft. Sie sind das Ergebnis der Anwendung von Klimamodellen, die auf Basis von Emissions- und Konzentrationsszenarien Klimaveränderungen modellieren. Die folgenden Analysen beziehen sich auf die Repräsentativen Konzentrationspfade (RCP) für die Szenarien 4,5 und 8,5 und zeigen jeweils ein Ensemble aus 13 Klimaprojektionen. Die Szenarien 4,5 und 8,5 wurden ausgewählt, da sie einen Korridor der zu erwartenden Entwicklungen aufspannen .

Für den Naturraum Siegerbergland zeigen die Klimaprojektionen einen Temperaturanstieg von 3,6 bis 6,0 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit, sofern die Emissionen auf dem derzeitigen Pfad bleiben und wir global keine Fortschritte beim Klimaschutz erzielen (Worst Case Szenario; RCP 8.5). Bei einem Klimawandel „mittlerer Stärke“ (RCP 4.5) würde der Temperaturanstieg immer noch zwischen 2,3 und 4,0 °C betragen. Die  steigenden Temperaturen zeigen sich zu allen Jahreszeiten.

Projizierte Entwicklung der Temperatur im Naturraum Siegerbergland bis zum Ende des 21. Jahrhunderts.

Bei den mittleren Jahresniederschlägen wird von einem Großteil der Klimamodelle eine leichte Zunahme projiziert. Die Niederschlagsänderung liegt je nach Modell zwischen -5 bis +30 % für den Zeitraum 2071-2100 gegenüber dem Bezugszeitraum 1971-2000.  

Projizierte Entwicklung des Niederschlags im Naturraum Siegerbergland bis Ende des 21. Jahrhunderts.

Die Änderungssignale des Niederschlags für die  hydrologischen Halbjahre  zeigen ein differenzierteres Bild. Der hydrologische Sommer (Mai bis Oktober) zeigt keine signifikante Änderung des Niederschlags bis zum Ende des Jahrhunderts (-15 bis +20 %). Im hydrologischen Winter hingegen (November bis April) wird eine Niederschlagsänderung von -5 bis 30 % für den Zeitraum 2071-2100 gegenüber dem Referenzzeitraum (1971-2000) projiziert. Beide Emissionsszenarien führen in Zukunft zu einer weiteren Zunahme an Sommer- und Hitzetagen sowie einer weiteren Abnahme an Frost- und Eistagen.

Weitere Informationen zum Klima finden Sie in "Daten und Fakten" bei Auswahl der Region "Siegerbergland".

Vulnerabilitätsanalyse

Die Betroffenheit (Verwundbarkeit) gegenüber den Folgen des Klimawandels ist in der Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg) aufgrund verschiedener Faktoren wie beispielsweise der Mittelgebirgslage mit umgebender Topographie grundsätzlich als mittelhoch einzuschätzen. Besondere Vulnerabilitäten gegenüber Klimawandelfolgen sind aufgrund der Mittelgebirgslage der Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg) insbesondere im Bereich Starkregen, Sturzfluten und Hochwasser auszumachen. Die Gefährdung durch Bodenerosion ist vereinzelt auf topographisch ungünstigen Ackerstandorten erhöht. 

Starkniederschläge, Hochwasser und Sturzfluten

Bei Starkregen fallen große Niederschlagsmengen in kurzer Zeit, oftmals in Verbindung mit konvektiven Ereignissen . Starkregen kann zu schnell ansteigenden Wasserständen und  zu Überschwemmung führen, häufig einhergehend mit Sturzfluten und Bodenerosion. Die systematische Erfassung solcher Ereignisse ist aufgrund ihrer oftmals kleinräumigen Ausdehnung nur mit flächendeckenden und zeitlich hochaufgelösten Messungen möglich. Mit der Einführung der flächendeckenden Niederschlagserfassung durch Radar ist dies seit Beginn des 21. Jahrhunderts möglich.

Als Starkniederschlag werden im Kontext der nachfolgenden Analysen Regensummen > 20 mm/d bzw. 25 mm/h. oder 35 mm/6h definiert (DWD). Der Raum Kirchen (Sieg) befindet sich in einem Bereich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Starkregen. Das gesamte Siegerbergland ist aufgrund seiner heterogenen Mittelgebirgstopographie ein Bereich deutlich erhöhter Starkregenexposition. Die hier zugrunde gelegten Radardaten reichen nur bis in das Jahr 2001 zurück und sind daher hinsichtlich statistischer Auswertungen zu kurz. Zur großräumigen Identifikation von Risikogebieten können diese Daten jedoch bereits herangezogen werden.   


Starkregenstunden in Rheinland-Pfalz im Zeitraum 2001-2016.

In der Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg) hat es in der Vergangenheit bereits zahlreiche teils heftige Starkregenereignisse gegeben. Als Beispiele in der jüngeren Vergangenheit sind hier der 31. Mai 2018 oder der 03. Juni 2016 zu nennen. Im Mittel treten im Raum Kirchen (Sieg) 6 Starkregenereignisse > 20 mm im Jahr auf. Im Zeitraum 1951 bis heute zeigen Starkniederschläge keine wesentlichen Änderungen im Auftreten. Jedoch sind Tagessummen der Niederschläge für die Auswertung nur bedingt geeignet. Jahre mit wenigen Starkregenereignissen können negativere Folgewirkungen aufweisen als Jahre mit höherer Anzahl an Starkregen. Die Intensität der Einzelereignisse ist hier von besonderer Relevanz. Bei Eintreten der zugrunde gelegten Klimaprojektionen ist davon auszugehen, dass Starkregen mit induzierten Sturzfluten und Hochwasser in Zukunft häufiger und intensiver auftreten werden.

Entwicklung der Tage mit Niederschlägen > 20 mm im Raum Kirchen (Sieg) seit 1951.

Hochwasser wird der Zustand von Gewässern genannt, bei dem ihr Wasserstand deutlich über dem Pegelstand ihres Mittelwassers liegt. Neben Starkniederschlägen können lang andauernde Tiefdruckwetterlagen und/oder Tauwetter zu einem starken Ansteigen der Flüsse und damit zu Hochwasser führen. In der Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg) fallen unter potentiell hochwasserführende Gewässer die Sieg und der Asdorfer Bach (Weibe), beides Gewässer 2. Ordnung. Die beiden folgenden Risikokarten zeigen die jeweilige Überflutungshöhe bei einem hundertjärlichen Hochwasser (HQ100) und einem extremen Hochwasser (HQextrem)  sowie die Siedlungsstrukturen (rot eingefärbt). Die Karten verdeutlichen eine besondere Gefährdung der Siedlungsbereiche bei extremem Hochwasser. Bei einem Hundertjährigen Hochwasser würden demnach nur wenige Siedlungsbereiche durch Hochwasser der beiden Flusssysteme bedroht.

Risikokarten für Hochwasser HQ100 (links) und HQextrem (rechts) im Raum Kirchen (Sieg). Daten: Wasserwirtschaftsverwaltung RLP (GDA-Wasser).

Sturzfluten sind das Resultat heftiger Starkniederschläge, welche in kurzer Zeit fallen und in topographisch stark gegliederten Regionen zu Sturzfluten führen können. Ein solches Ereignis ist am 31. Mai 2018 in Kirchen aufgetreten. Um 12:00 Uhr entwickelte sich eine Gewitterzelle wenige Kilometer südsüdöstlich von Kirchen, die sich innerhalb kurzer Zeit explosionsartig nordnordwestlich über die Stadt Kirchen ausdehnte und zu enormem sintflutartigem Regen – teils auch Hagel von 1-3 cm Durchmesser – führte. Dabei blieb der Schwerpunkt der Unwetterzelle lange Zeit ortsfest über dem Kirchener Stadtgebiet mit Ausdehnung über den Raum Betzdorf/Sieg. Im Zeitraum von 12:10 Uhr bis 14:50 Uhr fielen insgesamt 110,5 mm Niederschlag, davon allein 93,5 mm in der Zeit von 12:30 Uhr bis 13:30 Uhr. Hingegen fiel in der weiteren Umgebung der Region Kirchen/Betzdorf deutlich weniger, teilweise gar kein Niederschlag und blieb vom Unwetter verschont (siehe auch: http://www.wetterstation-kirchen-sieg.de/Unwetter-am-31-05-2018). Der heftige Starkregen im Raum Kirchen führte zu zahlreichen Zerstörungen der Infrastruktur (siehe folgende Abbildungen).

Einsatzorte der Feuerwehr am 31. Mai 2018 in der VG Kirchen (links) und Zerstörung der Infrastruktur nach Starkregen induzierten Sturzfluten in der Stadt Kirchen (rechts).

© Kotremba 2018

Mittels der Einbindung von hochauflösenden Geländedaten lassen sich Bereiche mit erhöhter Gefahr durch Sturzfluten identifizieren. Die Abbildung zeigt Hauptabflusspfade (blaue Linien) im Stadtgebiet von Kirchen (Sieg). Die gelben Kreise identifizieren Hot-Spot Bereiche für Sturzfluten. Hier kommen meist mehrere Fließpfade aus unterschiedlichen Richtungen zusammen.

GIS-basierte Abflussanalyse zur Identifizierung von potentiellen Sturzfluten.

Bodenerosion

Eine Folge des Klimawandels im Bereich der landwirtschaftlichen Bodennutzung ist die Veränderung des Risikos von Bodenerosion durch Wasser.  Bodenerosion gilt als eine der Hauptgefahren für den Erhalt der Bodenfunktionen und somit auch für die nachhaltige Sicherung der Bodenfruchtbarkeit. Neben den Schäden durch den Verlust des Oberbodens auf der Erosionsfläche müssen weitere Folgeschäden beachtet werden. Hierzu zählen Hochwasserschäden, Ablagerungen des abgeschwemmten Bodens auf Verkehrs- und Siedlungsflächen, beeinträchtigte und dysfunktionale Kanalsysteme und Eutrophierung durch Nährstoffeinträge in Gewässer oder benachbarte Systeme. Die Verschlammung von Gewässern durch den erosionsbedingten Eintrag von Feinmaterial kann den aquatischen Lebensraum und die Gewässerökologie schädigen.

Im Raum Kirchen (Sieg) besteht aufgrund der überwiegenden Nutzung als Grünland meist keine bis eine mittlere Gefährdung durch Bodenerosion. Vereinzelt werden auf ackerbaulichen Standorten mit ungünstiger Topographie aber auch hohe bis sehr hohe Bodenerosionsgefährdungen verzeichnet.

Bodenerosionsgefährdung auf landwirtschaftlich genutzten Flächen der VG Kirchen (Sieg).

Hitze

Hitze stellt eine starke Belastung für den menschlichen Organismus dar. Vor allem sehr junge und ältere Menschen sind besonders betroffen, da ihr Organismus noch nicht oder nicht mehr ausreichend auf die Belastung reagieren kann. Im Raum Kirchen (Sieg) sind Hitzetage im Vergleich zum übrigen Rheinland-Pfalz, insbesondere zu den Regionen des Oberrheingrabens deutlich seltener. Im Siegerbergland ist das Temperaturniveau aufgrund der Höhenlage niedrig. Hinzu kommt die verstärkte nächtliche Auskühlung durch Kaltluftbildung und Kaltluftabfluss im Siegerbergland. 

Bei Überschreitung von 30 °C wird ein TaG als "Hitzetag" oder "Heißer TaG" definiert. Im Mittel werden in Kirchen (Sieg) 5 Hitzetage im Jahr registriert. In Hitzesommern, wie 2003 oder 2018 übersteigt die Anzahl der Hitzetage das Mittel jedoch um ein Vielfaches, so bspw. 2003 und 2018 mit jeweils 16 Hitzetagen. Eine Häufung an Hitzetagen zeigt sich in Kirchen (Sieg) insbesondere seit den 1990er Jahren. Für die Zukunft ist von einer deutlichen Zunahme an Hitzetagen und Hitzeperioden im Raum Kirchen (Sieg) auszugehen. 

Entwicklung der Anzahl heißer Tage im Raum Kirchen (Sieg) seit 1951.

Bei ausbleibender nächtlicher Auskühlung spricht man von einer "Tropennacht" (Temperatur sinkt nicht unter 20 °C). Gerade dies führt zu einer starken Belastung des menschlichen Organismus. Die Anzahl an Tropennächten ist im Raum Leiningerland insbesondere im Bereich des Oberrheingrabens erhöht. Im Pfälzer Wald selbst treten aufgrund der Kaltluftbildung und Kaltluftverlagerung in die hiesigen Ortsgemeinden keine Tropennächte auf. Für die Zukunft ist von einer deutlichen Zunahme an Hitzetagen, Hitzeperioden und Tropennächten im Raum Leiningerland auszugehen.


Verbandsgemeinde Kirchen (Sieg)